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Weblog

Lichter in der Finsternis

Inzwischen melden sich in der Blogosphäre mehr und mehr besonnene, mitfühlende, besorgte, zweifelnde Menschen zu Wort. Ich kann dazu hier jetzt gar nicht viel sagen – außer: Danke für die Hoffnungsschimmer!

Über Protest und Differenzierung

Vielleicht haben sich einige Leser hier bereits gefragt, warum ich in meinem vorherigen Blogeintrag auf die explizite Verlinkung von Berichten über die gewaltätigen Proteste radikaler Fundamentalisten im Ausland verzichte.

Meine Antwort ist: Erstens wird das mittlerweile in allen Medien ausführlich dargestellt, wodurch m.E. allmählich ein einseitiger und verzerrter Eindruck vom Protest gläubiger Muslime gegen die beleidigende Provokation durch die Mohammed-Karikaturen entsteht. Denn die hier lebenden Muslime protestierten friedlich gegen diese Verächtlichmachung ihrer Religion.

Zweitens möchte ich hier mein Verständnis für den Protest meiner muslimischen Mitbürger gegen die Publikation der Mohammed-Karikaturen zum Ausdruck bringen. Denn sie haben m.E. das Recht, empört zu sein über diese Diskreditierung des Islam. Und sie haben nichts zu tun mit dem Terror, der anderswo von skrupellosen Fanatikern angezettelt wird. Sie sind Angehörige unserer demokratischen Gesellschaft und achten unsere gemeinsamen freiheitlichen Werte und Gesetze. Daher haben sie m.E. auch Anspruch auf unseren Respekt vor ihrer Religion und Würde. Das sagt mir nicht nur mein persönliches Gerechtigkeitsempfinden, sondern so gebietet es auch unser Grundgesetz.

Es sind eben nicht die Muslime, die unsere demokratischen Freiheiten bedrohen, sondern es ist ein von machtgierigen Fanatikern aufgehetzter, wütender Mob, der mit seinen Gewaltexzessen nicht nur gegen die Regeln der Demokratie, sondern auch gegen die Gebote des Islam verstößt.

Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen

Die deutliche Kritik der US-Amerikanischen Regierung an den antiislamischen Karikaturen in europäischen Medien hat mich überrascht – positiv überrascht!

Diese Karikaturen seien für moslemische Gläubige wirklich verletzend, sagte US-Außenamtssprecher Justin Higgins heute in Washington. Die Pressefreiheit müsse mit Verantwortung ausgeübt werden, fügte Higgins hinzu. Es sei nicht akzeptabel, in dieser Weise religiösen und ethnischen Hass hervorzurufen. Die US-Regierung setzt sich nach Higgins’ Worten für “Toleranz und Respekt für alle Gemeinschaften” ein. Quelle: SpOn

Auch Paul Spiegel, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, kritisierte die Publikation der umstrittenen Karikaturen mit den Worten:

Solche Karikaturen dürfen nicht gedruckt werden. Die Abbildung des Mohammed verstößt gegen die Bestimmungen des Islams. Quelle: derstandard.at

Einige deutsche Politiker hingegen demonstrierten mir mit ihren Äußerungen zum Thema, dass es ihnen nicht nur an Respekt und Verantwortungsgefühl gegenüber unseren muslimischen Mitbürgern fehlt, sondern dass sie darüber hinaus scheinbar nicht hinreichend mit unseren eigenen Gesetzen vertraut sind. Daher möchte ich an dieser Stelle einfach mal auf einen Abschnitt aus dem deutschen Strafgesetzbuch hinweisen:

§166 Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen

(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören. Quelle: Strafgesetzbuch

Und einigen deutschen Medienpublizisten scheinen die Inhalte des Pressekodex entweder unbekannt zu sein oder zumindest keine besondere Relevanz für die Form ihrer Berichterstattung zu haben. Denn da heißt es:

Ziffer 10 Veröffentlichungen in Wort und Bild, die das sittliche oder religiöse Empfinden einer Personengruppe nach Form und Inhalt wesentlich verletzen können, sind mit der Verantwortung der Presse nicht zu vereinbaren. Quelle: Deutscher Presserat

Nachtrag:
Muslimische Spitzenverbände in Deutschland verteidigten zwar die Empörung der Muslime über die beleidigenden Karikaturen, verurteilten jedoch gleichzeitig die gewaltsamen Proteste.

Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) mahnte deutlich “zu Besonnenheit und Zurückhaltung” und verurteilte die gewaltsamen Proteste “auf Schärfste”. Sie schadeten nicht nur dem Islam, “sondern auch den hier lebenden Muslimen”, kritisierte der TGD-Vorsitzende Kenan Kolat. Kolat sprach sich gegen einen “Maulkorb für die Presse” aus. Für Deutschland rechnet der türkische Verband unterdessen mit keinen Ausschreitungen. Quelle: Frankfurter Rundschau

Das Solinger Tageblatt berichtet heute außerdem, viele Muslime seien sehr besorgt über die Zuspitzung der weltweiten Konflikte.

Unterdessen mehren sich auch die zur Zurückhaltung mahnenden Stimmen aus den Reihen der deutschen Politik.

Scharfe Kritik kam vom ehemaligen Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung, Bernd Schmidbauer (CDU). Das Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages sagte, “wir können keine Gotteslästerung tolerieren, gleichgültig, in welcher Religion”. Das “Geschrei” nach Pressefreiheit wies er zurück. Die Presse müsse sich zurückhalten und Toleranz üben allen Religionsgemeinschaften gegenüber. Quelle: Märkische Oderzeitung

Apropos Toleranz

Ein wahrer Verfechter der Toleranz ist nicht der, der sie von anderen fordert, sondern der, der sich selbst darin übt.

Von der Schwere der Freiheit

Danke Felix Schwenzel für die deutlichen Worte. Da könnte ich mich eigentlich ohne weiteren Kommentar anschließen. Aber ich sag’s hier trotzdem noch mal mit meinen Worten. Immerhin findet man ja dieser Tage auch reichlich anderslautende Ansichten rund um die Mohammed-Cartoons.

Ich find’s ebenfalls primitiv, sich bei jeder publizierten Geschmacklosigkeit auf Pressefreiheit zu berufen. Freiheit ist für mich kein Freibrief, der es jedem Sensationsjunkie erlaubt, lauthals in der Gegend rumzukrakeelen, ohne auch nur einen Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden. Wer Freiheiten für sich beansprucht, muss m.E. auch bereit sein, die Verantwortung für die Steine zu übernehmen, die er damit ins Rollen bringt. Und für Publikationen, die nichts als plumpe Provokation darstellen und damit den Kampf der Kulturen anfeuern, hab ich kein Verständnis. Damit dann auch noch die Pressefreiheit zu belasten, sehe ich als Missbrauch und Beleidigung demokratischer Werte an.

Aus einer ähnlichen Perspektive hab ich übrigens die Wikipedia-Turbulenzen um Tron wahrgenommen. Es kann doch beim Publizieren nicht immer nur darum gehen, seine Rechte um jeden Preis durchzuboxen. Meiner Ansicht nach sollte jedenfalls in der öffentlichen Auseinandersetzung mit sensiblen Themen auch nicht vergessen werden, Mitgefühl und Verständnis für die Empfindlichkeiten anderer aufzubringen. Schließlich haben wir doch auch die Freiheit, nicht in jedem Fall auf unser Recht zu pochen, oder?

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