März 2008
Die Stimme der Vernunft
In der letzten Ausgabe der FAS wurde ein Gespräch zwischen Wolfgang Schäuble und dem Schriftsteller Ralph Giordano veröffentlicht, in dem der Bundesinnenminister ungewohnte Töne zum Thema Integration von Muslimen in Deutschland anschlägt. In seinen Erwiderungen auf Giordanos islamophobe Behauptungen spricht er manches aus, was auch ich für wahr und richtig halte – z.B. Folgendes:
Die Ursachen für die Zuwanderung sind andere: Die Anwerbung von Gastarbeitern aus dem ländlichen Raum der Türkei war eine ausgesprochen egoistische, auf ökonomischen Notwendigkeiten basierende Entscheidung der Bundesrepublik.
(…)
Natürlich darf man die Probleme nicht verschweigen. Aber wenn wir zu viel Furcht schüren, ist das nicht richtig. Wir müssen den Muslimen signalisieren: Wenn ihr euch hier integriert, seid ihr willkommen!
(…)
Und ich sage noch einmal: Die Menschen sind da, wir leben mit ihnen zusammen. Es ist nicht wahr, dass die Frauen in der Türkei alle nur unterdrückt sind. Wir müssen auch die positiven Dinge sehen, dann brauchen wir nicht zu verzweifeln.
(…)
Muslime, die in Deutschland leben, haben das Recht, ihre Religion auszuüben, und damit auch auf eine Moschee.
(…)
Der Islam ist längst ein Teil unseres Landes. Das ist doch unbestreitbar. Und unser Land verändert sich dadurch. Gesellschaften müssen auf Veränderungen flexibel reagieren, um sie erfolgreich zu meistern. Wir sollten jedenfalls klar unterscheiden zwischen den Integrationsproblemen, die wir haben, und den Bedrohungen durch den islamistischen Terrorismus.
Nachdem in mir allerdings noch ganz andere Aussagen Wolfgang Schäubles nachklingen, habe ich mich gefragt, was ich von seiner aktuellen Positionierung halten soll. Und ich muss zugeben: Ich misstraue dieser Stimme der Vernunft noch. Aber in mir keimt dennoch eine leise Hoffnung – nämlich die, dass zumindest dieser Satz nicht geheuchelt war:
Die Deutsche Islamkonferenz hat dazu geführt, dass wir die Vielfalt islamischen Lebens in Deutschland sehen – da habe ich selbst viel dazugelernt.
Nennt mich naiv; ich will dennoch glauben, dass auch Politiker lernfähige Menschen sind.
Übrigens hat Arno Widmann von der FR, in seiner Auswertung dieses Gespräches, auch vieles geschrieben, dem ich mich anschließe – speziell das:
Giordano redet gefährlichen Unsinn.
Aber damit ist der Herr Giordano ja nicht allein. Für solchen “gefährlichen Unsinn” werden in Deutschland mittlerweile andere auch bejubelt und ausgezeichnet. Man kann sagen: Dieser Unsinn ist hierzulande wieder salonfähig geworden.
Tags:Integration, Islam, Islamophobie, Muslime, Politik, Ralph Giordano, Terrorismus, Wolfgang Schäuble
Iris Bleyer | 06.03.2008 | 15:23 Uhr | Zeitgeschehen | 2 Kommentare